Auf der Paris Blockchain Week traf Cointelegraph Ben Joe, Representative bei Bybit. Das Gespräch deckte ein breites Spektrum ab: von der aktuellen Stimmung am Kryptomarkt über den Hype um KI-Agenten bis hin zur Tokenisierung realer Vermögenswerte (RWA). Für deutsche Anleger liefert das Interview einige wertvolle Denkanstöße.

Der Markt – sind wir unten angekommen?

Die Frage, die derzeit viele Anleger umtreibt: Hat der Kryptomarkt seinen Boden gefunden? Nach Einschätzung von Ben Joe sehen die meisten Marktteilnehmer, mit denen er spricht, Anzeichen einer Bodenbildung. Seit kurzem bewegt sich der Bitcoin-Kurs wieder leicht nach oben. Das Sentiment bleibt allerdings gedämpft – ein typisches Muster in der Mitte eines Bärenmarktes.

Interessant ist der Rückgang bei den Retail-Investoren: Im Vergleich zum vorherigen Zyklus-Hoch soll das Interesse um etwa 30 Prozent zurückgegangen sein. Das ist laut Ben Joe jedoch völlig normal. In jedem Zyklus passiert dasselbe, wenn der Markt sich auf dem Rückzug befindet. Sobald die Kurse wieder anziehen, kehrt auch die Begeisterung zurück.

Was fehlt: Ein neuer Katalysator

Die entscheidende Frage ist, was den nächsten Aufwärtsschub auslösen könnte. Ben Joe sieht den Auslöser in einer neuen Technologie oder Innovation – so wie im letzten Zyklus die Meme Coins für Aufmerksamkeit sorgten. In diesem Zyklus könnte es KI sein. Auf einer Konferenz in Hong Kong habe er den Eindruck gehabt, auf einer reinen KI-Veranstaltung zu sein, so durchdrungen war das Thema.

KI und Krypto – mehr als ein Buzzword

Die Verbindung von Artificial Intelligence (AI) und Krypto wird häufig als Schlagwort benutzt. Aber wie verschmelzen die beiden Bereiche konkret? Ben Joe beschreibt zwei zentrale Punkte:

  • Zahlungsmittel für KI-Agenten: Langfristig werden KI-Agenten, die automatisierte Aufgaben übernehmen, Bitcoin oder andere Kryptowährungen als Zahlungsvehikel nutzen. Krypto ist das einfachste Geld, das ein solcher Agent verwenden kann.
  • Smart Trading für jeden: KI kann für normale Nutzer Zugang zu Marktineffizienzen und Arbitrage-Strategien schaffen, die bisher nur großen Institutionen vorbehalten waren. Einfache Sprachbefehle reichen aus, um die KI an den Märkten agieren zu lassen.

Bybit geht dabei bereits einen konkreten Schritt: Jeder Mitarbeiter erhält einen KI-Agenten, der alle Dokumente, E-Mails und Meeting-Notizen durchsuchen kann. Neue Kollegen können dem Agenten einfach fragen: „Was ist damals mit diesem Partner passiert?" – und erhalten sofort eine vollständige Antwort. Das Wissen bleibt an der Position, auch wenn Personen das Unternehmen verlassen.

RWA – Die neue Dimension der Krypto-Adoption

Ein Thema, das auf jeder großen Kryptokonferenz 2025/2026 ganz oben auf der Agenda steht: die Tokenisierung realer Vermögenswerte (Real World Assets, RWA). Gemeint ist die Abbildung traditioneller Anlageprodukte – etwa Treasury-Bonds, Gold oder Immobilien – als digitale Token auf der Blockchain.

Was steckt dahinter? Banken und Finanzinstitute sehen Kryptobörsen zunehmend als globale Vertriebskanäle. Ein konkretes Beispiel: Eine Bank in Paris möchte ihre festverzinslichen Produkte tokenisieren und über eine Kryptobörse vertreiben. Family Offices wiederum interessieren sich für RWAs, um ihre Portfolios zu derisieren – sie nutzen Bybit nicht primär für Krypto-Spekulation, sondern als Zugang zu Anleihen und Wertpapieren aus Hongkong, Singapur und UK.

Bitcoin als digitaler Goldschatz – aber noch nicht perfekt

Die Frage, ob Bitcoin eher Währung oder Wertaufbewahrungsmittel ist, beantwortet Ben Joe pragmatisch:

Seine Einschätzung: Für den täglichen Zahlungsverkehr werden Stablecoins eine größere Rolle spielen als Bitcoin selbst. Bitcoin hat als Wertspeicher grosses Potenzial, aber die Volatilität – kürzlich zwischen 60.000 und 70.000 Dollar schwankend – macht ihn für viele traditionelle Akteure noch nicht als vollständigen Ersatz für Gold geeignet.

Der Weg zu einem globalen Finanzmarkt

Eine Vision, die Ben Joe besonders antreibt: Bis 2030 könnte ein echter globaler Finanzmarkt entstehen, der alle Anlageklassen – US-Anleihen, europäische Aktien, asiatische Investments – an einem einzigen Ort vereint. Krypto ist das Fundament dafür, weil es geografische Barrieren abbaut. Ein Anleger aus Nigeria erhält so denselben Zugang wie jemand aus New York oder London.

Die brutale Wahrheit zum Schluss

Als Abschluss des Interviews wurde Ben Joe nach der einen „brutalen Wahrheit" gefragt, die Krypto-Investoren kennen sollten. Seine Antwort:

„Es ist nie zu spät." – Jeder sagt, Bitcoin sei zu hoch. Bei 3.000 Dollar, bei 10.000, bei 60.000. Wer die Technologie und ihr langfristiges Potenzial versteht, für den ist es nie zu spät. Das schliesst kurzfristige Rücksetzer nicht aus, ändert aber nichts am langfristigen Bild.

Was bedeutet das für deutsche Anleger?

Für in Deutschland ansässige Investoren sind mehrere Punkte aus diesem Interview relevant:

  • Timing-Strategie: Kurzfristige Einstiegszeitpunkte sind sekundär, wenn man an die langfristige Entwicklung von Bitcoin glaubt. Spreads beim Kauf auszugleichen ist sinnvoller als auf den perfekten Moment zu warten.
  • RWA-Entwicklung beobachten: Tokenisierte Anleihen und reale Vermögenswerte könnten in Zukunft auch für deutsche Anleger relevant werden – steuerliche Einordnung noch offen, aber das Thema gewinnt an Bedeutung.
  • Stabilcoins für Zahlungen: Wer Bitcoin als Wertaufbewahrung hält, sollte Stablecoins als ergänzendes Instrument für alltägliche Transaktionen verstehen.
  • Steuerliche Aspekte: Gewinne aus Kryptowährungen unterliegen in Deutschland der Einkommensteuer (nach Haltefrist von einem Jahr steuerfrei bei privatem Vermögen). Die steuerliche Behandlung von RWA-Tokenisierungen ist noch nicht abschliessend geklärt.

Das vollständige Interview bietet einen differenzierten Einblick in die Sichtweise einer der grössten Kryptobörsen weltweit – und zeigt, dass der Markt nicht nur aus Preisbewegungen besteht, sondern aus einer echten technologischen und institutionellen Entwicklung, die auch in Europa zunehmend Beachtung findet.

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